Preisträgerin Django Asül mit Laudator Helmut Schleich. Verleihung am 22. November im „Wirtshaus im Schlachthof“.
In München wird bekanntlich gern ausgezeichnet. Für besondere Verdienste, langjährige Treue, außergewöhnliche Leistungen und gelegentlich vermutlich auch dafür, dass einer beim Empfang rechtzeitig erscheint und seine Krawatte ordentlich gebunden hat. Doch der Sigi-Sommer-Taler ist ein Preis von besonderer Sorte. Er erinnert an einen Mann, der die Münchner Gesellschaft jahrzehntelang beobachtete, ihre Schwächen kannte und trotzdem nicht von ihr lassen konnte. Und er ehrt Menschen, die es verstehen, mit Witz, Verstand und einer gehörigen Portion Frechheit den Finger in die Wunden ihrer Zeit zu legen.
Am Sonntag, 22. November, bekommt diesen Taler einer, der dafür geradezu geschaffen scheint: Django Asül. Der niederbayerische Kabarettist mit türkischen Wurzeln hat sich in drei Jahrzehnten auf der Bühne einen Ruf erarbeitet, bei dem sich Politiker besser zweimal überlegen, ob sie in der ersten Reihe Platz nehmen. Denn wer dort sitzt, könnte schneller Bestandteil des Programms werden, als ihm lieb ist.
Ein Niederbayer, der den Mächtigen die Leviten liest
Django Asül, 1972 in Deggendorf geboren und im niederbayerischen Hengersberg aufgewachsen, heißt bürgerlich Uğur Bağışlayıcı. Seine Eltern kamen aus der Türkei, der Sohn wuchs mit niederbayerischem Dialekt auf. Und wer ihn heute reden hört, merkt schnell: Bayerischer kann einer kaum klingen, selbst wenn er sich jeden Morgen mit Weißwurstwasser gurgeln würde.
Nach dem Abitur machte Asül zunächst eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Sparkasse Deggendorf. Später arbeitete er auch als Tennislehrer. Zwei Berufe, die ihn bestens auf seine spätere Laufbahn vorbereitet haben dürften. Beim einen lernt man, mit fremdem Geld umzugehen, beim anderen, wie man einen Ball so zurückschlägt, dass der Gegner möglichst schlecht ausschaut.
Mitte der Neunzigerjahre entdeckte er das Kabarett. 1997 ging er mit seinem ersten Soloprogramm „Hämokratie“ auf Tournee. Es folgten Fernsehauftritte, weitere Bühnenprogramme und schließlich der Aufstieg zu einem der bekanntesten politischen Kabarettisten Bayerns.
2007 durfte er auf dem Münchner Nockherberg die Starkbierrede halten. Seit 2008 gehört seine Maibockrede im Hofbräuhaus zum festen Bestandteil des politischen Veranstaltungskalenders. Dort werden Minister, Parteivorsitzende und sonstige Würdenträger regelmäßig daran erinnert, dass ein öffentliches Amt nicht automatisch vor öffentlichem Spott schützt.
Asül braucht dafür weder große Gesten noch wilde Verrenkungen. Er steht auf der Bühne, schaut, redet und lässt seine Pointen wirken. Oft genügt ein scheinbar harmloser Nebensatz, und schon hat einer sein Fett weg. Dass der Betroffene manchmal erst lacht und dann merkt, dass er selbst gemeint war, gehört zur besonderen Qualität dieser Kunst.
Mit seiner BR-Sendung „Asül für alle“, seinen satirischen Jahresrückblicken „Rückspiegel“ und inzwischen acht Soloprogrammen hat er sich längst einen festen Platz in der bayerischen Kabarettlandschaft gesichert. Sein aktuelles Programm „Am Ende vorn“ beschäftigt sich mit den großen Fragen von Politik und Gesellschaft. Dass er nebenbei Kolumnen für Zeitungen und das Sportmagazin „Kicker“ schreibt, zeigt, dass sein Spott nicht auf die Bühne beschränkt bleibt.
Ausgezeichnet wurde er bereits mit dem Bayerischen Kabarettpreis, dem Bayerischen Verdienstorden und dem Bayerischen Kulturpreis. Nun kommt der Sigi-Sommer-Taler hinzu. Ein weiterer Preis also für einen Mann, der beruflich davon lebt, andere kritisch zu betrachten. Ob er bei der eigenen Ehrung ebenso streng sein wird, bleibt abzuwarten.
Sigi Sommer – der Mann, der München durchschaute
Dass die Narrhalla ihren Kunst- und Kabarettpreis nach Sigi Sommer benannt hat, ist kein Zufall. Siegfried Sommer war einer jener Münchner, die man heute schmerzlich vermisst: ein scharfer Beobachter, ein begnadeter Erzähler und ein Grantler mit Herz.
Fast vierzig Jahre lang spazierte sein „Blasius“ durch die Münchner Abendzeitung und betrachtete die Stadt und ihre Bewohner mit einer Mischung aus Zuneigung, Spott und philosophischem Hintersinn. Sommer wusste, dass der Münchner zwar gern über alles schimpft, aber wehe, ein Auswärtiger tut es ihm gleich. Dann wird aus dem Grantler augenblicklich ein Lokalpatriot.
Mit seinem Roman „Und keiner weint mir nach“ schuf Sommer außerdem ein bedeutendes Stück Nachkriegsliteratur. Bertolt Brecht lobte das Werk in höchsten Tönen. Die Stadt ehrte ihren Schriftsteller später mit einem Platz in Sendling und einer Bronzestatue am Roseneck. Schon 1975 hatte ihm die Narrhalla den Karl-Valentin-Orden verliehen.
Seit 2001 vergibt die Gesellschaft den Sigi-Sommer-Taler an Künstlerinnen und Künstler, die mit Witz, Geist und eigenständiger Haltung das kulturelle Leben Bayerns bereichern. Der Preis erinnert an einen besonderen Brauch: Sigi Sommer ließ einst silberne Taler prägen, die er an Menschen verschenkte, die er schätzte. Diese Idee lebt in der heutigen Auszeichnung weiter.
Dass ausgerechnet Django Asül den Taler erhält, hat deshalb seinen eigenen Reiz. Der eine war ein Münchner, der mit spitzer Feder durch seine Stadt spazierte. Der andere ist ein Niederbayer, der mit spitzer Zunge durch die politische Landschaft marschiert. Beide eint die Fähigkeit, genau hinzusehen und das, was sie entdecken, so zu erzählen, dass man gleichzeitig lachen und nachdenken muss.
Wenn Helmut Schleich die Laudatio hält
Für die Laudatio hat sich die Narrhalla einen Mann ausgesucht, der selbst weiß, wie man eine Pointe setzt: Helmut Schleich. Der Münchner Kabarettist, Parodist und Autor erhielt den Sigi-Sommer-Taler bereits 2018 und gehört seit Jahrzehnten zu den markanten Stimmen des bayerischen Kabaretts.
Schleich ist bekannt für seine politischen Parodien und seine Fähigkeit, öffentliche Persönlichkeiten mit wenigen Gesten und einer treffenden Stimme auf die Bühne zu holen. Wenn er nun seinen Kollegen Django Asül würdigt, darf man deshalb eine Laudatio erwarten, bei der die feierlichen Worte nicht ganz ohne kleine Seitenhiebe auskommen.
Denn zwei politische Kabarettisten auf einer Bühne sind ungefähr so berechenbar wie eine Münchner Stadtratssitzung kurz vor der Sommerpause. Nur dass man beim Kabarett wenigstens weiß, wann man lachen darf.
Ein Abend mit Witz, Harfe und Musik
Durch die Preisverleihung führt Claudia Pichler, die Münchner Kabarettistin, die mit ihrer Mischung aus bayerischem Dialekt, scharfem Verstand und charmantem Spott längst ein eigenes Publikum gewonnen hat. Sie versteht es, Münchner Eigenheiten ebenso aufs Korn zu nehmen wie die kleinen und großen Absurditäten des Alltags.
Für musikalische Unterhaltung sorgt Tobi Probst mit seiner Harfencomedy. Wer bei einer Harfe ausschließlich an engelsgleiche Klänge und andächtiges Schweigen denkt, dürfte hier eines Besseren belehrt werden. Auch Nico Sücker und seine Band sind angekündigt und ergänzen das Programm.
Die Verleihung findet traditionell am Totensonntag im Wirtshaus im Schlachthof statt. Ein Ort, der zum Münchner Kabarett gehört wie die Pointe zum Witz. Hier haben sich schon Generationen von Künstlern über Politik, Gesellschaft und die menschliche Dummheit ausgelassen. Und an letzterer hat es bekanntlich noch nie an Nachschub gefehlt.
Am Ende wird Django Asül seinen Sigi-Sommer-Taler entgegennehmen. Einen Preis, der nicht nur eine erfolgreiche Karriere würdigt, sondern auch daran erinnert, wie wichtig Menschen sind, die sich das kritische Denken und den Humor bewahrt haben.
Ob Sigi Sommer an seinem niederbayerischen Nachfolger seine Freude gehabt hätte, lässt sich natürlich nicht mehr feststellen. Aber die Vorstellung, dass der alte Blasius irgendwo in einer himmlischen Wirtschaft sitzt, die Zeitung aufschlägt und über die Maibockreden von Django Asül schmunzelt, hat durchaus ihren Charme.
Und vermutlich würde er anschließend feststellen, dass die Welt zwar nicht gescheiter geworden ist, die Kabarettisten dafür aber immer noch genügend Arbeit haben.
Veranstaltungsinformationen
Veranstaltung: Verleihung des Sigi-Sommer-Talers 2026
Termin: Sonntag, 22. November 2026, 19 Uhr · Einlass 17:30 Uhr
Ort: Wirtshaus im Schlachthof, Zenettistraße 9, München
Eintritt: 39 Euro zuzüglich Gebühren; ermäßigte Karten für Narrhalla-Mitglieder
Karten und Informationen: www.narrhalla.de