Angela Wiedl, die Schäferfamilie, Günther Grauer und der Buffo-Tenor Richard Wiedl bringen auf der Iberlbühne ein Stück musikalische Heimat zurück.
Es ist schon eine merkwürdige Sache mit der Musik. Was gestern noch aus jedem Radio dudelte, verschwindet heute manchmal schneller aus dem Programm als ein freier Parkplatz in der Münchner Innenstadt. Dabei sind die Lieder ja nicht schlechter geworden. Höchstens älter. Aber das passiert bekanntlich auch den Hörern, und die werden deshalb noch lange nicht abgeschafft.
„Lieder, die unser Heimatsender nicht mehr spielt“ heißt das Motto eines musikalischen Nachmittags, zu dem am Sonntag, 14. März 2027, um 17 Uhr auf die Iberlbühne im Augustinerhof eingeladen wird. Und weil man in München über vieles streiten kann, über die Mieten, den Verkehr und die richtige Temperatur einer Weißwurst, aber bei einem schönen Lied meistens doch zusammenfindet, haben sich für diesen Nachmittag Künstler angesagt, die ihr Publikum seit Jahrzehnten kennen.
Allen voran Angela Wiedl, die Jodlerkönigin aus München, ihr Ehemann Uwe Erhardt von den legendären „Schäfern“, Tochter Gina-Maria, Angelas Bruder Richard Wiedl und der Münchner Sänger und Entertainer Günther Grauer. Eine Gesellschaft also, bei der vom Jodler über die Operette bis zum Schlager aus den Fünfzigerjahren alles vertreten ist, was ein musikalisches Herz erfreuen kann.
Angela Wiedl – eine Stimme, die Ralph Siegel nicht mehr losließ
Angela Wiedl wurde die Musik gewissermaßen in die Wiege gelegt. Ihre Eltern Wilhelm und Irmengard Wiedl waren als Chiemseer Gesangs- und Jodlerduo bekannt, schon die Großmutter beherrschte den Jodler. In dieser Familie wurde nicht erst gesungen, wenn Besuch kam. Musik gehörte zum Alltag wie anderswo die Zeitung auf dem Frühstückstisch.
Schon als Kind sang Angela die Melodien ihrer Eltern nach. Mit zwölf Jahren stand sie selbst auf der Bühne, später gehörte sie zum Tegernseer Alpenquintett. Zunächst erlernte sie allerdings einen ganz bodenständigen Beruf als Steuerfachgehilfin. Was zeigt, dass auch eine künftige Jodlerkönigin wissen darf, wie man mit Zahlen umgeht.
Der Weg zum Erfolg war keineswegs so geradlinig, wie er später aussah. Angela Wiedl berichtete in einem neueren Künstlerporträt von jahrelangen Absagen, bevor Ralph Siegel sie in einem Münchner Lokal jodeln hörte. Der erfolgreiche Komponist und Produzent erkannte, was andere offenbar überhört hatten. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine jahrzehntelange musikalische Zusammenarbeit.
Mit „Doch des Herzklopfen, des verdank i dir“ wurde sie 1992 beim Grand Prix der Volksmusik einem großen Publikum bekannt. Es folgten Erfolge wie „Santa Maria della Montagna“, „Monte Bianco“ und „Wenn der Berg dich ruft“. Besonders „Mama Theresa“ machte sie weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt. Die Einnahmen aus diesem Lied sollten Mutter Teresas Hilfswerk zugutekommen. 1993 reiste Angela Wiedl sogar nach Kalkutta, um der Friedensnobelpreisträgerin persönlich einen Scheck zu überreichen.
Goldene Stimmgabel, Edelweiß, Hermann-Löns-Medaille und schließlich der Echo kamen hinzu. Angela Wiedl wurde zu einer der erfolgreichsten Interpretinnen des volkstümlichen Schlagers. Dass sie jodeln kann, steht ohnehin außer Frage. Bei ihr klingt es nicht nach einem musikalischen Kunststück, sondern so selbstverständlich, als hätte der liebe Gott bei der Stimmausgabe ein paar Töne mehr hineingepackt.
Doch bei aller Fröhlichkeit hat Angela Wiedl auch die schweren Seiten des Lebens kennengelernt. Der Tod ihrer fünfjährigen Tochter Angelina im Jahr 2005 war ein Schicksalsschlag, der ihr Leben tief prägte. In ihrem Glauben, ihrer Familie und ihrer Musik fand sie neue Kraft.
Wie eng persönliche Erfahrungen und Gesang bei ihr zusammengehören, zeigt das Album „Herzperlen“. Die Lieder „Liebe Mama“ und „Wir werden uns alle wiedersehen“ schrieb sie selbst und widmete sie ihrer verstorbenen Tochter und ihren Eltern. Andere Titel erzählen von Hoffnung, Liebe und einem neuen Anfang. Es sind keine künstlich zurechtgemachten Gefühle, sondern Erinnerungen und Überzeugungen einer Frau, die weiß, dass das Leben nicht immer nur im Dreivierteltakt daherkommt.
Die Schäferfamilie – wenn daheim die Musik nicht aufhört
An Angela Wiedls Seite steht ihr Ehemann Uwe Erhardt, Sänger, Mitbegründer und prägende Stimme der bekannten Gruppe „Die Schäfer“. Mit ihren Liedern über Heimat, Liebe und Zusammengehörigkeit haben die Schäfer über viele Jahre ein treues Publikum gewonnen.
Erhardt ist nicht nur Sänger, sondern auch Komponist. Von ihm stammt unter anderem „Sag mir, wo ist der Himmel“, einer jener Titel, die inzwischen zur musikalischen Familiengeschichte gehören. Gemeinsam mit Angela Wiedl hat er auch „Die Kraft der Liebe“ aufgenommen, eine deutschsprachige Bearbeitung des Instrumentalstücks „Eleni“, für die er den Text schrieb.
Das Besondere an dieser Verbindung: Hier stehen nicht einfach zwei bekannte Künstler gemeinsam auf der Bühne. Die Musik ist tatsächlich Teil ihres Familienlebens.
Auch Tochter Gina-Maria ist inzwischen dabei. Auf dem Album „Herzperlen“ war sie bereits als junges Mädchen mit Gesang und Jodler zu hören. Gemeinsam mit ihren Eltern nahm sie „Sag mir, wo ist der Himmel“ auf. Für den Auftritt auf der Iberlbühne ist sie ebenfalls angekündigt.
Man darf also gespannt sein, wie die junge Generation mit den Liedern umgeht, die ihre Eltern bekannt gemacht haben. Denn während andere Jugendliche die musikalischen Vorlieben ihrer Eltern möglichst geheim halten, steht Gina-Maria mit ihnen auf der Bühne und singt gleich mit.
Bekannte Schäferlieder und Volksweisen sollen ebenfalls erklingen. Mitsingen ist ausdrücklich erwünscht. Und wer den Text nicht mehr vollständig weiß, wird vermutlich feststellen, dass die Erinnerung spätestens beim Refrain wieder einsetzt.
Richard Wiedl – vom Jodlerhaushalt auf die Opernbühne
Dass die Familie Wiedl musikalisch einiges zu bieten hat, beweist auch Angelas Bruder Richard. Der gebürtige Münchner lernte bereits mit sechs Jahren Akkordeon und wurde mit zehn in den berühmten Tölzer Knabenchor aufgenommen, wo er es zum ersten Sopransolisten brachte.
Nach dem Stimmbruch ging es nicht etwa musikalisch bergab. Richard Wiedl entdeckte das Tanzen, beschäftigte sich mit Ballett, Turniertanz und Stepptanz und wurde 1990 sogar deutscher Vizemeister im Stepptanz. Davor hatte er bereits 1985 den Bundeswettbewerb Gesang in Berlin gewonnen.
Er studierte Gesang in München und entwickelte sich zum gefragten Buffo- und Charaktertenor. Engagements führten ihn unter anderem an die Oper Leipzig, ans Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz und ans Theater an der Wien. Auch international war er unterwegs, von Südamerika bis Japan.
Ein Buffo-Tenor ist übrigens kein Sänger, der besonders laut über Witze lacht, sondern ein Spezialist für lebendige, oft komische Rollen in Oper und Operette. Dafür braucht man nicht nur eine gute Stimme, sondern auch schauspielerisches Talent und ein Gespür für den richtigen Augenblick.
Auf der Iberlbühne wird Richard Wiedl bekannte Opern- und Operettenmelodien ebenso präsentieren wie Münchner Schmankerl. Das passt zu einem Künstler, der zwischen großer Theaterbühne und bayerischer Unterhaltung keine unüberwindbare Grenze zieht.
Und vielleicht ist es gerade das Schöne an dieser Familie: Während die Schwester jodelt, singt der Bruder Operette, und am Ende verstehen sich trotzdem alle prächtig.
Günther Grauer – der singende Wirt, der München zum Klingen bringt
Und dann ist da noch Günther Grauer. Ein Münchner Original, wie man es heute beinahe schon unter Denkmalschutz stellen müsste. Wobei der Grauer dafür viel zu lebendig wäre. Er gehört zu jenen Menschen, die aus einem gewöhnlichen Abend ein kleines Fest machen können, notfalls auch ohne besonderen Anlass.
Angefangen hat alles 1993 in einem Landgasthof am Starnberger See. Dort sang der Wirt beim Stammtisch gelegentlich ein paar lustige Lieder, bis er eines Tages bei einer Hochzeit in seiner weißen Kochjacke zur Musikkapelle stieß und selbst zum Mikrofon griff. Unter den Gästen saß zufällig ein Musikproduzent. Und weil im Leben manchmal eine einzige Hochzeit genügt, um eine ganze Karriere in Gang zu setzen, wurde aus dem singenden Wirt bald ein richtiger Schlagersänger.
Später wurde Grauer zum Gesicht des Münchner Kultlokals „Roy“, jenes legendären Treffpunkts, in dem sich die Münchner Gesellschaft, Künstler und allerlei Nachtschwärmer die Klinke in die Hand gaben. Hier wurde gesungen, gelacht und bisweilen wohl auch länger sitzen geblieben, als man es daheim angekündigt hatte. Wer ins „Roy“ ging, wollte nicht bloß etwas trinken. Er wollte etwas erleben.
Auch musikalisch ist Grauer alles andere als ein Mann für die leisen Zwischentöne. „Gemütlichkeit kennt keine Grenzen“ heißt einer seiner Titel, und damit könnte man gleich sein ganzes Lebensmotto überschreiben. Mit „Bavarian Dream – Ein bayerischer Traum“ setzte er einst sogar dem Märchenkönig Ludwig II. ein musikalisches Denkmal. Und wenn er „Auszieh’n“ anstimmt, dürfte auch der letzte Grantler im Publikum merken, dass der Nachmittag nicht ausschließlich der stillen Besinnung gewidmet ist. Dazu gesellen sich Schlagerklassiker von Udo Jürgens und Roland Kaiser, bei denen die älteren Jahrgänge gewöhnlich textsicherer sind als bei ihrer eigenen Handynummer.
Dass Grauer von 2012 bis 2024 Präsident der traditionsreichen Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla war und heute deren Ehrenpräsident ist, verwundert da niemanden. Bereits 2001 hatte er als Faschingsprinz Günther II. mit seiner Prinzessin Silvia II. die Landeshauptstadt närrisch regiert. Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt er später den Bayerischen Verdienstorden. Ein Mann also, der die Münchner Lebensfreude nicht nur besingt, sondern über Jahrzehnte mitgestaltet hat. Denn der Fasching ist in München bekanntlich eine ernste Angelegenheit. Jedenfalls für jene, die ihn organisieren müssen.
Die Iberlbühne – wo München noch münchnerisch sein darf
Für diesen musikalischen Nachmittag hätte man kaum einen passenderen Ort finden können. Die 1966 von Georg Maier gegründete Iberlbühne gehört seit Jahrzehnten zum kulturellen Gedächtnis der Stadt. Hier haben der bayerische Dialekt, die Freude am Theater und ein gelegentlich recht hinterfotziger Humor ihre Heimat.
Heute residiert das Theater im Augustiner-Stammhaus an der Herzogspitalstraße, mitten in München. Und das ist gut so. Denn gerade in einer Stadt, die sich ständig neu erfindet und dabei bisweilen ihre eigene Vergangenheit übersieht, braucht es Orte, an denen nicht jede Tradition erst modernisiert werden muss, bevor sie wieder vorzeigbar ist.
„Lieder, die unser Heimatsender nicht mehr spielt“ ist deshalb mehr als ein griffiger Veranstaltungstitel. Dahinter steckt auch eine Frage, die sich viele Freunde volkstümlicher Musik stellen: Warum hört man manche Künstler, die früher selbstverständlich zum Radioprogramm gehörten, heute so selten?
Die Antwort darauf ist gewiss komplizierter als die nächste Programmreform. Musikgeschmack verändert sich, Sender suchen neue Zielgruppen, und nicht jedes Lied kann ewig auf Sendung bleiben. Aber dass eine Melodie nicht mehr regelmäßig aus dem Lautsprecher kommt, bedeutet noch lange nicht, dass sie beim Publikum vergessen ist.
Am 14. März wird sich auf der Iberlbühne zeigen, wie lebendig diese Musik geblieben ist. Angela Wiedl mit ihren bekannten Liedern und Jodlern, Uwe Erhardt mit den Melodien der Schäfer, Gina-Maria als junge Stimme der Familie, Richard Wiedl mit Operette und Münchner Schmankerln und Günther Grauer mit seinem großen Repertoire an Schlagern und Evergreens.
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